Im letzten Textbeitrag auf dieser Seite habe ich über verschiedene Dimensionen des Fastens im Hinblick auf individuelle, gesellschaftliche und politische Aspekte gesprochen. Ich möchte heute dieses Thema fortführen.

Wenn wir im Monat Ramadan fasten, dann sollen wir mit unserem zeitlich begrenzten Hunger, den Hunger der dauerhaft und tatsächlich Hungernden gedenken. Hierzu hat Huseyin Özoguz in seinem letzten Artikel auf der Plattform „Offenkundiges“ folgende Überlieferung von Imam Dschafar As-Sadiq zitiert:

„Gott hat das Fasten verpflichtend gemacht, damit die Reichen und die Armen gleichgestellt werden. Wenn es kein Fasten gäbe, würden die Reichen niemals das Gefühl des Hungers erfahren, das sie dazu bringen würde, sich der Armen zu erbarmen, denn wann immer die Reichen etwas begehren, können sie es erwerben. So wollte Gott seine Diener auf die gleiche Stufe stellen, und dass die Reichen Hunger und Schmerz erfahren, damit sie Mitleid mit den Schwachen haben und sich der Hungrigen erbarmen.“

Selbstverständlich gibt der Hunger während des Fastens nur in absolut minimalem Ausmaß ein Gefühl dafür, was tatsächlich dauerhafte Hungernde erleben, welche ihren Durst und Hunger nicht jeden Abend ausgiebig stillen können. Aber auch dieses Gefühl, das sich in uns entwickeln soll, ist besser als gar nichts.

Insbesondere in diesem Monat sollten wir uns jeden Tag und in jedem Augenblick bewusst machen, dass in jedem Moment Kinder an Hunger und an vermeidbaren Krankheiten, wie Durchfall, sterben. Jeden Tag sterben durchschnittlich weltweit 30.000 Kinder. Das muss immer wieder betont werden: Jeden Tag sterben durchschnittlich weltweit 30.000 Kinder. Im Jahr sind das rund 11 Millionen Kinder. Sie sterben, weil sie nicht genügend sauberes Wasser bekommen, weil sie überhaupt nichts zu essen erhalten, oder auch nur, weil sie gegen ihren Durchfall nichts unternehmen können. Die meisten Kinder sterben in Asien und Afrika.

Jeder einzelne dieser Toten ist ein Mordopfer. Diese Kinder sterben nicht einfach so, sie werden ermordet. Sie werden bewusst und willentlich auf dem Altar der Habgier des Kapitalismus geopfert. Sie sind, so zynisch und menschenverachtend es klingt, eine notwendige Bedingung für das Funktionieren des vom Kapitalismus angebetenen Marktes. Dieser Markt steht über allem, vor allem über Menschenrechte, Demokratie, Menschenwürde oder, wie im hiesigen Fall, über dem Leben von Kindern. Die an Hunger und vermeidbaren Krankheiten sterbenden Erwachsenen sind in dieser Statistik nicht mal berücksichtigt. Das heißt, jedes Jahr nimmt der Kapitalismus billigend in Kauf bzw. er bewirkt es absichtlich, dass Millionen Menschen ermordet werden, weil sie nicht genug zu Essen oder sauberes Trinkwasser erhalten. Die Todeszahlen übersteigen die Opferzahlen sämtlicher Kriege, auch der beiden Weltkriege, im 20. Jahrhundert zusammen. Das ist mehr als nur ein Genozid, das ist eines der größten Verbrechen unserer Zeit.

Das kapitalistische System könnte den Tod dieser Mordopfer mit Leichtigkeit verhindern. Es geht bei der Verhinderung nicht nur um klassische Entwicklungshilfe, welche ohnehin teilweise Mitschuld an der miserablen Lage vieler Hungernden ist. Es geht vielmehr um gleichberechtigte Beteiligung am Welthandel. Es geht um die Unterlassung völkerrechtswidriger Kriege. Es geht schließlich auch um das Unterlassen der Ausbeutung von Ressourcen und von Arbeitskräften. Lösungsvorschläge sind im Detail da, sie müssen nur umgesetzt werden. Doch hat ein krankes System wie das herrschende liberal-kapitalistische System an der Lösung keinerlei Interesse. Im Gegenteil, dieser Mord ist im Kapitalismus offensichtlich systemimmanent. Ohne diese millionenfache Ermordung dieser Unschuldigen Menschen jedes Jahr, kann das herrschende System nicht überleben.

Dieser Zustand ist barbarisch. Unser Wohlstand basiert auf der Ermordung dieser Menschen. Wie wollen wir das am Tag der Auferstehung rechtfertigen? Was wollen wir zu unserer Verteidigung vorbringen? Was haben wir gegen dieses bis zu den höchsten Himmeln schreiende Unrecht getan?

Die Gegenfrage könnte lauten: Was können wir denn tatsächlich dagegen unternehmen? Wir können etwas unternehmen:

  • Wir können dieses Unrecht innerlich ablehnen
  • Wir können für diese Mordopfer beten und wir können sie in unseren Gebeten auch um Verzeihung bitten
  • Wir können auf dieses Unrecht immer und immer wieder mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln Aufmerksam machen
  • Wir können Lösungsvorschläge darlegen
  • Wir können unser Kaufverhalten anpassen

Das sind eine wenige grob dargelegte Beispiele für Widerstand. Möge Allah uns vergeben, und mögen diese Unschuldigen uns unsere Nachlässigkeit und Ignoranz verzeihen.

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